9. Mai 2020 - Orgelmusik aus St. Petri

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

heute, am 09. Mai 2020, sollte der Abend mit einem Improvisationskonzert in der St.-Petri-Kirche gefüllt werden. Corona zwingt uns kulturell in die Knie - wenn auch nur scheinbar:
Weil die Absage des Konzerts sich früh ankündigte, wurde das Konzert nun im Vorhinein für Sie mit Kameras und Mikrofontechnik aufgezeichnet, sodass dieses Konzert trotzdem, wenn auch auf digitale Weise, stattfinden kann.
Sie können zwar nicht im herrlichen St.-Petri-Kirchraum dabei sein, dafür sind Ihnen Eindrücke, also der Blick auf Hände und Füße, gestattet, die man sonst nur sehr selten zu Gesicht bekommt.
Circa 30 Minuten Bild und Ton stehen für Sie bereit. Ich empfehle Ihnen sehr, das Konzert mit guten Kopfhörern zu genießen, um besonders die wärmenden, tiefen Frequenzen der Orgeln wahrnehmen zu können.
Seien Sie eingeladen, dieses digitale Format nicht als Notlösung oder Kompromiss sondern als etwas ganz Neues zu entdecken.

Mit einem kurzen Gedanken möchte ich vor dem Konzert ihre Ohren spitzen:
Diese Zeiten sind fremd, erst einmal unbequem und vor allem unerwartet. Komponiert man im Moment des Vortragens, also - „improvisiert“ man, weiß man vorher nie genau, was erklingen und passieren wird. Der „Fehler“ als solcher kann überhaupt nicht existieren, weil letztlich keine Niederschrift oder Gesetztheit dieser entsprungenen Spontanität vorliegt. Wie zauberhaft - eine Welt ohne Fehler. Trotzdem gibt es Momente, die man sich durchaus anders vorstellt oder mit denen man einfach nicht rechnet. Genau diese Momente sind das „Geschenk“ der spontanen, tonalen Dichtung. Bei der Erfindung des Stückes ist man als Spieler nicht ganz alleine zuständig. Viele Faktoren wirken quasi per Zufallsfaktor auf die Komposition ein. Das kann auch nur ein winziger Ton sein, ein ganzer Akkord, „verbotene“ Quint- und Oktavparallelen, halbgezogene Register, falsche Registrierungen, offene Schnürsenkel, an der Kirche vorbeifahrende Autos, Kirchenglocken; die Liste ist lang. Eigentlich kann das gesamte Geschehen völlig anders laufen, als man wollte. All diese Faktoren machen es für mich erst interessant und verändern das auf magische Weise, was man sich vorher zu „konstruieren“ versucht hat.
Die fünf Charakterstücke leben genau von diesem Ungewissen, dem Ungeplanten. Ein einziges Wort als Titel genügt als Inspirationsquelle und verändert den gesamten Kontext des Werkes. So entstehen auch durchaus seltsame, ungehörte, sogar erst einmal unschöne, verstimmte Klänge, an die man sich erst gewöhnen muss. Fremdheit, die aber durchaus mit Richtung ein spannendes, hoffnungsvolles Streben transportiert. Diese Ungewissheit, dieser Zufallsfaktor, ist für mich immer wieder Grund zu improvisieren und wieder ein neues Stück zu spielen. - Improvisieren ist das Geschenk des Moments, der Gegenwart.

Corona jetzt als Geschenk zu betrachten ist vielleicht ein zu schneller Rückschluss. Dennoch birgt vielleicht doch jede Ungewissheit, alles Unerwartete eine große Chance,- vielleicht etwas, was wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten.
Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Konzertabend und Ihnen alles Gute für die kommende Zeit,

„Nun freut euch, liebe Christen g’mein!“

Enno Gröhn

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