10.04.20 Karfreitag

Pastor Michael Glawion

Vorbereiten

Karfreitag – um 15.00 Uhr läutet die große Glocke unserer St.-Petri-Kirche, um auf die Todesstunde Jesu hinzuweisen.
Nehmen Sie sich Zeit, sich auf die Botschaft dieses Tages einzulassen. Wann auch immer –  am Morgen am Abend, vielleicht ja sogar um 15 Uhr, wenn die große Glocke im Kirchturm läutet.

Zünden Sie eine Kerze an. Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, soll nicht im Dunkeln wandeln. (Joh 8,12) Vielleicht habe ich ja eine Bibel zur Hand. Ich schlage sie auf. Denn im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (Joh 1,1)
Vielleicht haben Sie ja auch ein Kreuz, das Sie vor sich auf den Tisch stellen oder legen will. Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. (1Kor 1,18)

Dieser Karfreitag fühlt sich vielleicht noch einsamer und leerer an als sonst – Licht, Wort und Kreuz erinnern daran: Wir sind nicht allein. Gott ist bei uns.

Ankommen

Wir kommen aus dem Gründonnerstag, dem Tag der Gemeinschaft: Noch einmal hat Jesus mit seinen engsten Freunden gemeinsam zusammengesessen, gegessen und getrunken. Jesus hat gebetet im Garten Gethsemane. Die Jünger sollten ihn begleiten und wachen, doch sie hatten nicht die Kraft dazu.
Gründonnerstag ist schließlich auch der Abend, an dem Judas Jesus mit einem Kuss verraten hat und an dem Jesus gefangen genommen wurde.

Der Gründonnerstag beginnt in der Gemeinschaft und endet in der Einsamkeit: Jesus im Gefängnis, die Jünger verstecken sich aus Angst, selbst auch noch gefangen genommen zu werden. Petrus bleibt allein im Hof des Palastes des römischen Stadthalters zurück. Er wird von einer Magd gefragt, ob er nicht auch einer von denen sei, die zu Jesus gehören – er leugnet es.
Als der Hahn zum dritten Mal gekräht hat, erkennt er, dass er nicht stark genug ist für das, was gerade passiert. Und er weinte bitterlich…

Ablauf

Kursiv gedruckte Texte sind Anmerkungen – normal gedruckte Texte sind für das stille oder laute Lesen gedacht.

Anfangen mit einem Gebet

Nun ist alles bereit. Ich bin bereit, Gott. Sei Du bei mir in dieser Zeit der Stille,die ich mir nehmen will für die Botschaft des Karfreitags. Denk an mich in deiner Gnade, guter Gott, und hilf mir. Amen.

Mit den alten Worten eines Psalms Gott anrufen (Psalm 22 in Auswahl)

Wenn Sie mit mehreren zusammen Andacht feiern, können Sie den Psalm im Wechsel lesen.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Warum hilfst du nicht, wenn ich schreie, warum bist du so fern?

3 Mein Gott, Tag und Nacht rufe ich um Hilfe,
doch du antwortest nicht
und schenkst mir keine Ruhe.

4 Du bist doch der heilige Gott,
dem Israel Danklieder singt!

5 Auf dich verließen sich unsere Väter,
sie vertrauten dir und du hast sie gerettet.

6 Sie schrien zu dir und wurden befreit;
sie hofften auf dich und wurden nicht enttäuscht.

7 Doch ich bin kaum noch ein Mensch, ich bin ein Wurm,
von allen verhöhnt und verachtet.

8 Wer mich sieht, macht sich über mich lustig,
verzieht den Mund und schüttelt den Kopf:

9 »Übergib deine Sache dem Herrn, der kann dir ja helfen!
Er lässt dich bestimmt nicht im Stich! Du bist doch sein Liebling!«

12 Bleib jetzt nicht fern, denn ich bin in Not!
Niemand sonst kann mir helfen!

16 Meine Kehle ist ausgedörrt, die Zunge klebt mir am Gaumen,
ich sehe mich schon im Grab liegen – und du lässt das alles zu!

19 Schon losen sie um meine Kleider
und verteilen sie unter sich.

20 Bleib nicht fern von mir, Herr!
Du bist mein Retter, komm und hilf mir!

Ein Lied singen

Singen tut gut. Ganz gleich, ob mehrere es tun, oder ich für mich. Manchmal reicht es vielleicht schon, den Liedtext zu lesen und dabei die Melodie zu summen oder zu hören.

   In einer fernen Zeit (EG.E 9)
1. In einer fernen Zeit / gehst du nach Golgatha, / erduldest Einsamkeit, / sagst selbst zum Sterben ja.

2. Du weißt, was Leiden ist. / Du weißt, was Schmerzen sind, / der du mein Bruder bist, / ein Mensch und Gottes Kind.

3. Verlassen ganz und gar / von Menschen und von Gott, / bringst du dein Leben dar / und stirbst den Kreuzestod.

4. Stirbst draußen vor dem Tor, / stirbst mitten in der Welt. / Im Leiden lebst du vor, / was wirklich trägt und hält.

5. Erstehe neu in mir. / Erstehe jeden Tag. / Erhalte mich bei dir, / was immer kommen mag.

Amen. Amen. Amen.

Biblische Lesung zum Karfreitag

Johannes 19, 16-30 Jesus am Kreuz und Jesu Tod

16 Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus und gab ihn frei zur Kreuzigung. Die Soldaten übernahmen Jesus. 17 Er trug selber sein Kreuz aus der Stadt hinaus, bis zum so genannten Schädelplatz – auf Hebräisch heißt er Golgota. 18 Dort nagelten sie Jesus ans Kreuz und mit ihm noch zwei andere, den einen links, den anderen rechts und Jesus in der Mitte. 19 Pilatus ließ ein Schild am Kreuz anbringen; darauf stand: »Jesus von Nazaret, der König der Juden«. 20 Der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nicht weit von der Stadt entfernt, deshalb lasen viele Juden diese Aufschrift. Sie war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst. 21 Die führenden Priester sagten zu Pilatus: »Schreib nicht: ›Der König der Juden‹, sondern dass dieser Mann behauptet hat: ›Ich bin der König der Juden.‹« 22 Pilatus sagte: »Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.«

23 Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz genagelt hatten, nahmen sie seine Kleider und teilten sie in vier Teile. Jeder erhielt einen Teil. Das Untergewand aber war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht. 24 Die Soldaten sagten zueinander: »Wir wollen es nicht zerreißen; das Los soll entscheiden, wer es bekommt.« So traf ein, was in den Heiligen Schriften vorausgesagt war: »Sie haben meine Kleider unter sich verteilt. Mein Gewand haben sie verlost.« Genau das taten die Soldaten. 25 Nahe bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala. 26 Jesus sah seine Mutter dort stehen und neben ihr den Jünger, den er besonders lieb hatte. Da sagte er zu seiner Mutter: »Frau, er ist jetzt dein Sohn!« 27 Und zu dem Jünger sagte er: »Sie ist jetzt deine Mutter!« Von da an nahm der Jünger sie bei sich auf.

28 Jesus wusste, dass nun alles zu Ende gebracht war. Aber damit die Voraussagen der Heiligen Schriften vollends ganz in Erfüllung gingen, sagte er: »Ich habe Durst!« 29 In der Nähe stand ein Gefäß mit Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein, steckten ihn auf einen Ysopstängel und hielten ihn Jesus an die Lippen. 30 Jesus nahm davon und sagte: »Jetzt ist alles vollendet.« Dann ließ er den Kopf sinken und gab sein Leben in die Hände des Vaters zurück.

Von der Stille ganz umfangen

An dieser Stelle löschen wir üblicherweise in der Kirche das Licht der Osterkerze. Wer mag kann die Kerze, die er zu Beginn entzündet hat, auslöschen.

Vielleicht mögen Sie sich nach der Lesung auch ganz bewusst auf die Ruhe konzentrieren. Einfach einen Moment auf die Stille im Haus hören…

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Auch ein Musikstück könnte nun schön sein. Ich empfehle J. S. Bachs Orgelvorspiel zum Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“.

Wie geht es Ihnen mit der Stille, die in diesen Tagen der Kontaktvermeidung herrscht? Fällt es Ihnen schwer, anderen nicht begegnen zu können oder genießen Sie vielleicht sogar die Ruhe? Mit wem würden Sie gern mal wieder sprechen? Können Sie die Person anrufen? Es ist ja ein wenig aus der Mode geraten, aber vielleicht können Sie einem Menschen ja auch mit ein paar Zeilen eine Freude machen…

Meditation zum Karfreitag

Der Karfreitag beginnt einsam und mit Tränen. Petrus steht im Hof des römischen Herrschaftssitzes. Allein und verängstigt. „Bist Du einer von Ihnen?“ Er fühlt sich ertappt von der fragenden Magd und er leugnet beharrlich. Schließlich erkennt er, wie schwach er in dieser besonderen Situation ist und beginnt, überwältigt von seinen Gefühlen, zu weinen.

Ich stelle mir vor, wie dieser einsame Petrus den Karfreitag erlebt. Seine Freundinnen und Freunde verstecken sich angesichts der gefährlichen Situation, die unaufhaltsam ihrem Höhepunkt zusteuert. Und dann stirbt Jesus am Kreuz – vielleicht hat Petrus ja bis zum Schluss gehofft, dass die Situation noch durch ein Wunder abgewendet wird. Aber nichts dergleichen passiert. Jener sprach nur: „Es ist vollbracht“ und neigte das Haupt und verschied. Wie einsam muss sich Petrus in dieser Situation nur gefühlt haben? Wie soll es nun bloß weitergehen?

In diesen Tagen wird auch unsere Gesellschaft von einer beispiellosen Trennung bestimmt. Kontaktverbot – das ist gar nicht so einfach. Die Begegnung gehört doch einfach zum Leben dazu: Sich mal eben mit Freundinnen und Freunden treffen, ein kurzer Plausch mit der Nachbarin, die Begegnung im Verein, beim Sport oder beim Einkaufen. Besonders schlimm sind die sogenannten Risikogruppen betroffen, die jetzt allein in Ihren Wohnungen sitzen und nicht mehr besucht werden können, damit sie sich nicht anstecken. Auch hier fragen sich gewiss viele: Wie soll es bloß weitergehen? Wann ist diese Krise endlich wieder vorbei?

Der Karfreitag 2020 wird vielen sicher als ein besonders leidvoller Karfreitag in Erinnerung bleiben. Und das nicht nur wegen der Einsamkeit, sondern auch wegen all der vielen Dinge, die in diesen Wochen in unserer Gesellschaft sterben: Existenzen, Lebensentwürfe, Selbstverständlichkeiten und natürlich auch Menschen, die dieser schlimmen Krankheit erliegen – einer Krankheit, die vor einem Jahr noch niemand kannte…

In unserer Petri-Kirche steht in diesen Tagen besonders einsam ein kleiner Petrus. „Petrus in Petri“ – eine Figur, die vor ein paar Jahren für eine Kunstausstellung entworfen wurde. Dieser kleine einsame Petri hat vor sich die erschreckend leeren Bänke, hört in diesen Tagen nichts als die mächtige Stille einer leeren Kirche. Und sieht schräg links vor sich zwischen den Pfeilern den Gekreuzigten, wie er am Kreuz leidet und stirbt. Immer wieder wundern sich Menschen, die mit der christlichen Religion nicht viel anfangen können, dass wir in unseren Kirchen Kreuze haben, an denen dargestellt ist wie ein Mensch leidet und stirbt.

Für viele ist das Kreuz mit dem leidenden Christus aber auch ein Hoffnungssymbol. Gott ist nicht einer, der auf einer Wolke über den Dingen schwebt, sondern er ist einer, der gelitten hat. Er hat die Angst des bitteren Endes selbst erfahren, kennt das Gefühl, das man einfach nichts tun kann, um die Dinge aufzuhalten. Wenn unser kleiner „Petrus in Petri“ also in die leere Kirche blickt, darf er gewiss sein, dass Gott auch in dieser Zeit der Einsamkeit bei uns ist, und dass er jede einzelne Sorge und jedes einzelne Leiden mitfühlt.

Unser kleiner „Petrus in Petri“ weiß aber auch, dass er mit seinem Blick am Kreuz nicht hängen bleiben darf, sondern dass er dem Blick des Gekreuzigten folgen muss, der ihn hinlenkt auf den Hochaltar im Chor. Dort steht nämlich ganz oben noch ein Christus. Nicht leidend und nicht verzweifelt, sondern siegreich mit einer Fahne in der Hand. Noch ist es nicht so weit, das weiß Petrus, aber die Zeit der Einsamkeit und des Leides wird vorübergehen. Ostern wird kommen. So wie einst auch jetzt.

Ein Lied singen

    O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85)

1. O Haupt voll Blut und Wunden, / voll Schmerz und voller Hohn, / o Haupt, zum Spott gebunden / mit einer Dornenkron, o Haupt, / sonst schön gezieret / mit höchster Ehr und Zier, / jetzt aber hoch schimpfieret: / gegrüßet seist du mir!

3. Nun, was du, Herr, erduldet, / ist alles meine Last; / ich hab es selbst verschuldet, / was du getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, / der Zorn verdienet hat. / Gib mir, o mein Erbarmer, / den Anblick deiner Gnad.

4. Erkenne mich, mein Hüter, / mein Hirte, nimm mich an. / Von dir, Quell aller Güter, / ist mir viel Guts getan; / dein Mund hat mich gelabet / mit Milch und süßer Kost, / dein Geist hat mich begabet / mit mancher Himmelslust.

7. Ich danke dir von Herzen, / o Jesu, liebster Freund, / für deines Todes Schmerzen, / da du´s so gut gemeint. / Ach gib, dass ich mich halte / zu dir und deiner Treu / und, wenn ich einst erkalte, / in dir mein Ende sei.

Gebet

Guter Gott, Du weißt, wie sich Einsamkeit, Schmerz und Leid anfühlen. Darum vertrauen wir darauf, dass Du uns in unseren Sorgen und Ängsten nicht allein lässt. Und bringen vor dich alles, was uns bewegt. Das Schöne und das Schwere.

Wir denken an alle, die uns nahestehen und die wir lieben. Danke, Gott, dass wir sie haben.

Stille

Wir denken an alle, die einsam sind.

Stille

Wir denken an alle Kranken. Gerade an die in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, die im Moment keinen Besuch haben können.

Stille

Wir denken an alle, die helfen. Sie brauchen im Moment viel Kraft, um ihre Gaben für andere einsetzen zu können.

Stille

Gott in der Stille des Karfreitags sind wir alle miteinander verbunden und beten mit den Worten, die Jesus uns zu beten gelehrt hat:

Vaterunser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Zurückgehen in den Tag / in den Abend unter dem Segen Gottes

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.