26.04.20 Hausgottesdienst 06

Pastor Thomas Haase

Misericordias Domini

  – ein Gottesdienst  zu Hause und mit allen – durch den Geist verbunden

   Johann Sebastian Bach, Präludium C-Dur, BWV 545

Einstimmung

Am Anfang, als alles noch dunkel war, sprach Gott:
Es werde Licht. Und es ward Licht.
(eine Kerze kann angezündet werden)

Am Anfang, als alles noch lautlos war, war das Wort bei Gott.
Und Gott war das Wort.
(eine Bibel kann geöffnet und auf den Tisch gelegt werden)

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Er kam zu uns. Er wurde einer von uns.
(ein Kreuz kann hingestellt werden)

Wir versammeln uns um Gottes Licht, Wort und Kreuz.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

         

   EG 274   Der Herr ist mein getreuer Hirt

1. Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.

2. Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass um seines Namens willen.

3. Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke: denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.

Evangelium des Tages: Johannes 10, 11-30

 

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich's wieder empfange. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu empfangen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater. Da entstand abermals Zwietracht unter den Juden wegen dieser Worte. Viele unter ihnen sprachen: Er ist von einem Dämon besessen und ist von Sinnen; was hört ihr ihm zu? Andere sprachen: Das sind nicht Worte eines Besessenen; kann denn ein Dämon die Augen der Blinden auftun? Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem, und es war Winter. Und Jesus ging umher im Tempel in der Halle Salomos. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann es aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Impuls

Wenn ich den Text lese, kommen in mir Bilder hoch. Große Schafe und kleine Lämmer laufen auf einer grünen Weide. Der Hirte gibt die Richtung an, damit die Herde nicht durch die Gegend irrt und womöglich zu Schaden kommt. Er steht mit seinem langen Stab an der Stelle, wo es brenzlig werden könnte. Auf dem Arm trägt der Hirte ein kleines Lämmchen, das sich verletzt hat.
Das Bild vom guten Hirten lässt sich gut einprägen. Auch Menschen, die noch nie eine echte Schafherde samt Schäfer gesehen haben, lassen sich von diesem Bild ansprechen. Uralte Menschheitserfahrungen verdichten sich in dem Bild von dem guten Hirten. Das Bild vom guten Hirten nimmt unsere Sehnsucht nach Geborgenheit auf; der Wunsch nach jemandem, der uns auf den richtigen Weg schickt, der mitgeht und uns auf dem eingeschlagenen Weg auch beschützt.
„Ich bin der gute Hirte!“, spricht Jesus Christus. Damit beansprucht Christus das Hirte-Sein für sich. Persönliche Nähe vermittelt er: Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, sagt er. Das bedeutet Geborgenheit; aber Jesus Christus weist auch hin auf den richtigen Weg, der zum Leben, zum ewigen Leben führt. Meine Schafe hören meine Stimme... und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Ein größerer Anspruch ist kaum denkbar. Wer die Rede Jesu ernst nimmt und annimmt, für den kann es nur und ausschließlich Jesus Christus als guten Hirten geben.
Aber es tauchen auch Bedenken auf: Darf überhaupt jemand einen solchen hohen Anspruch erheben? Trotz aller Leuchtkraft gibt es in der Moderne am Hirtenbild scharfe Kritik. Ja, man versuchte durchaus, sich des Hirtenbildes selbst zu entledigen! Zu kindlich, darauf angelegt, Führer-Gestalten zu verherrlichen und zu autoritär lautet die Kritik.
Zu kindlich. Sollen wir uns als unmündige blöde Schafe betrachten? Kindische Abhängigkeit macht krank. Siegmund Freud hält in seinem berühmt gewordenen Satz fest: „Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muss endlich hinaus ins ‚feindliche Leben’.“
Das Bild des Hirten ist darauf angelegt, Führer-Gestalten zu verherrlichen, so lautet der zweite Einwand. Nach den grauenhaften Erfahrungen mit an die Macht gekommenen Führer-Gestalten im letzten Jahrhundert, da fragt vielleicht der eine oder die andere, ob nicht das Modell vom Hirten ein Auslaufmodell ist.
„Zu autoritär“, lautet der dritte Einwand. Wo bleiben bei dem Bild der Schafherde mit dem Hirten Demokratie und Mitbestimmung? Kritische Geister fragen, ob nicht die verhängnisvolle Struktur von Befehl und Gehorsam mit dem Hirtenbild einfach mitgeliefert wird!
Nun. Den Gegnern des Hirtenbildes kann man zunächst rein äußerlich mit deren eigenen Argumenten begegnen: Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, das ist richtig. Aber der Mensch wird in seiner Seele immer der eigenen Kindheit verhaftet bleiben, wenn er nicht innerlich zugrunde gehen will! Das Hirtenbild mag kindlich sein, kindisch ist es nicht!
Immerhin ist gerade dies 10. Kapitel aus dem Johannesevangelium mit der Hirtenrede Jesu in der Zeit des Kirchenkampfes im Nationalsozialismus von entscheidender Wichtigkeit gewesen. Gegen den Druck der Nationalsozialisten und der deutschchristlichen Kirchenpolitik beriefen sich die Christen der Bekennenden Kirche auf diese Aussage: Jesus Christus ist der gute Hirte, der allen Ansprüchen von menschlichen Führern vorzuziehen ist und auf den allein in Kirche und Gemeinde zu hören ist!
Gerade die Rede von Jesus Christus als gutem Hirten hat ein erhebliches kritisches Potential gegenüber allen, die Leitungsämter wahrnehmen oder sich Leitungskompetenzen anmaßen!
Und schließlich ergibt sich aus dem Gegenüber von Schafen und Hirten zwar ein Autoritätsgefälle, aber eines das begründet ist: in der größeren Weitsicht und Kenntnis des Hirten gegenüber den instinktbefangenen Schafen. Allerdings erfährt das Bild des guten Hirten durch das Geschick Jesu Christi ja noch seine besonderen Ausweitungen. Es ist ja nicht irgendjemand, der sich uns als guter Hirte empfiehlt, sondern Jesus Christus; also der, der zugleich das Lamm ist, das die Sünde der Welt trägt! Er ist der gute Hirte, weil er sein Leben einsetzt für uns, weil er sein Leben lässt für die Schafe. Das geht über ein Hirtenbild hinaus. Das Kreuz steht im Hintergrund des Anspruches Jesu; er ist vorangegangen durch Hölle und Tod, um uns zum Leben zu führen.
Ich kenne viele Trauernde, die in diesen Versen Trost gefunden haben. Denn das Bild vom guten Hirten verheißt Schutz und Orientierung, die besonders Menschen brauchen, die einen anderen verloren haben. Er vermittelt über den himmlischen Vater die Hoffnung auf das Ewige Leben, die besonders tröstlich ist, wenn ein irdisches Leben zu Ende gegangen ist. Und er spricht uns seine Vertrautheit mit uns zu, er kennt die Seinen. Wie wohltuend ist das, wenn ich Zeiten erfahre, in denen ich das ansonsten gerade nicht spüre. Wo wir dringend aufgerufen werden, anderen Menschen nur auf Distanz zu begegnen oder am besten gleich zuhause zu bleiben.
Doch der gute Hirte ist da. Er wartet auf uns.

Stille

Gebet

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Zeig uns den Weg.
Zeig ihn denen,
die uns regieren,
die über uns bestimmen,
die unser Wohl wollen.
Du guter Hirte,
bringe uns auf den richtigen Weg.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Wir sind gefangen in unserer Sorge.
Du siehst die Ängste der Welt.
Schau auf die Menschen,
die keinen Ausweg sehen -
auf der Flucht, in Lagern, im Krieg.
Schau auf die Menschen,
die kein Zuhause haben,
wo sie Schutz finden.
Und schau auf die,
für die der Schutzraum zur Gefahr wird.

Du guter Hirte,
steh ihnen bei und trage sie auf deinen Schultern.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Siehe unsere Geschwister in der Ferne.
Unsere Gemeinde, deine Kirche.
Dir vertrauen wir,
denn du bist bei uns,
bei dir wird uns nichts mangeln.
Bereite uns den Tisch und bleib bei uns.
Erbarme dich,
heute und alle Tage.
Vater Unser

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

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